Wenn Unternehmen Schwäche rekrutieren

Wenn Unternehmen Schwäche rekrutieren

Vor kurzem habe ich für eine Beraterfirma gearbeitet, die unsere zur Verfügung gestellten Daten nutzt, um Ihren Kunden bei der Strategieimplementierung zu helfen. Dieser besondere Kunde hatte ein bekanntes Problem, dass wir in unzähligen und verschiedensten Organisationen sehen. Es gibt anscheinend kein Unternehmen das immun gegen dieses Problem ist.

Sie stellen Leute ein, die ein fast perfektes Spiegelbild ihrer Selbst sind, also Menschen die „das gewisse Etwas“ haben. Es wurden Bewerber eingeladen, bei denen der Personalchef Dinge sagte wie: „Wissen Sie, bei diesem Bewerber habe ich ein gutes Bauchgefühl. Er würde sehr gut ins Team passen.“

Ich kann mich noch lebhaft an eine Unterhaltung erinnern, die ich vor 8 Jahren mit einem Manager geführt habe. Er sagte mit viel Enthusiasmus und Überzeugung: „Ich weiß genau, was ich tun muss, ich muss mich einfach klonen. Dann verschwinden all meine Probleme.“ Er leitet ein Team von ca. 45 Kundenberatern bei einem Finanzdienstleister. Während es dem Unternehmen gut ging, bekam er keinen Dank für seinen Anteil am Erfolg. Flapsig ausgedrückt: Er lief gut trotz ihm!

Waren Sie schon einmal in einer Situation, in der es Ihnen schwer fiel, die richtigen Worte zu finden, um jemanden auf höfliche Art und Weise zu sagen, dass er absolut falsch liegt? Heutzutage kann ich das sehr gut, aber vor 8 Jahren war das noch nicht der Fall. Ich erinnere mich, wie ich zu mir selbst gesagt habe: „Dich klonen? Wozu denkst Du das bin hier?“

Seit damals habe ich diese Idee, sich selbst zu klonen unzählige Male gehört.Tatsächlich ist es, oberflächlich betrachtet, auch sinnvoll. Wenn ich als Manager erfolgreich bin oder das zumindest glaube, warum sollte ich mich nicht klonen und diesen Erfolg multiplizieren? (Nebenbei: Ich habe noch nicht viele Manager getroffen, die von sich selbst sagten sie seien nicht erfolgreich. Aber ich bin ziemlich sicher, dass es ein paar von Ihnen geben muss. Zumindest deuten einige Mitarbeiter an, dass es sie gibt)

Dieser Plan klingt logisch, einfach und zielführend. Warum sollte man ihn also nicht verfolgen? Viele tun genau das! Sie stellen Leute ein, die im wesentlichen ein Spiegelbild ihrer selbst sind. Sie handeln und denken wie der Chef. Es gibt weniger Konflikte, jeder kommt mit dem anderen klar und das Leben verläuft in ruhigen Bahnen.  Unglücklicherweise sind es nur scheinbar ruhige Bahnen. Obwohl ein Team von Mitarbeitern mit ähnlichen Verhaltensweisen einerseits dazu tendiert, seine Stärken zu addieren, wird es auf der anderen Seite dasselbe mit seinen Schwächen tun.
Noch schlimmer ist, dass diese Teams mit dem Blick auf die Schwächen meistens blind sind.

Keiner möchte diesen Sachverhalt wahrhaben. Und die, die es wahrnehmen, halten es für bequemer, still zu sein. Wer sägt schon an seinem eigenen Ast und sagt dem Chef, dass dieser etwas falsch macht?

Dasselbe geschieht im Privatleben. Es scheint aber, dass wir damit bewusster umgehen. Uns ist die Ähnlichkeit im Verhalten klarer. Wir können die Verstärkung von Stärken und Schwächen erkennen. Nehmen wir zum Beispiel eine Gruppe von Menschen mit analytischen Verhaltensweisen. Ihnen wird klar sein, dass sie sich schwer tun, eine schnelle Entscheidung zu treffen und Sie können sich sogar über diese Situation lustig machen.

Im beruflichen Umfeld ist dies anders. Das Problem wird ignoriert und es wird nicht mit Humor genommen. Was das Problem oft verstärkt, ist, dass bestimmte Jobs, Karrieren oder sogar ganze Organisationen für ganz bestimmte Verhaltenstypen attraktiv wirken. Zum Beispiel ziehen Ingenieurberufe Menschen mit Schwerpunkt auf analytischen Verhaltensweisen an, wohingegen Verkaufsberufe eher Menschen mit Schwerpunkt auf menschenorientierte Verhaltensweisen anziehen. Kombinieren Sie das mit einem Manager, der sich selbst repliziert, und Sie erhalten ein Team von Klonen. 
„Markku, was ist der beste Verhaltenstyp für einen Leader (oder Manager, Verkäufer…)?“ Das ist eine Frage die ich sehr regelmäßig höre, eigentlich jeden Tag. Meine ehrliche Antwort darauf ist: „ Es kommt darauf an, was Sie brauchen. Wissen Sie, was Sie brauchen?“
Die Wahrheit ist, es gibt keinen „Besten“ Verhaltenstypen. Es gibt wirklich keinen, auch wenn ich gelegentlich denke, meiner ist recht gut.
Dann nehme ich eine andere Sichtweise ein. Allerdings gibt es einen gemeinsamen Nenner bei allen erfolgreichen Menschen.
Sie wissen, wer sie sind und sind ehrlich mit sich selbst. Sie haben keine Angst in den Spiegel zu schauen und sich mit der Wirkung über ihre Stärken, Schwächen und Herausforderungen auseinanderzusetzen. Außerdem nutzen Sie ihre Stärken und stellen Menschen ein, um Ihre
Schwächen zu beseitigen. Sie umgeben sich mit Menschen, die sich von ihrem eigenen Verhaltenstyp unterscheiden.

Warum sollte das irgendjemand wollen? Sorgt man damit nicht für Meinungsverschiedenheiten, Konflikte und schlechter Stimmung im Team? Könnte sein. Aber was diese erfolgreichen Menschen damit ebenfalls erreichen, sie stellen Leute ein, die ihre Stärken verbreitern, andere Blickwinkel einnehmen und unterschiedliche Talente mitbringen. Zum Verständnis: Ich bin nicht dafür, dass jedes Team aus genau ausbalancierten Verhaltenstypen bestehen muss. Das ist selten der Fall. Wie auch immer, die erfolgreichsten Teams decken nahezu komplett die Verhaltensweisen ab, die das Team zur Zielerreichung braucht. Wenn die Verhaltensstile mit den Verhaltensanforderungen zusammen passen, sind diese Teams erfolgreich.
Im Sport scheint jeder dieses Konzept zu verstehen. Viele von uns haben ihren Lieblingsspieler. Einen Lieblingsquarterback, -pitcher oder -center.
Aber erlauben Sie mir eine Frage? Wollen Sie,  dass Ihre Mannschaft aus Klonen Ihres Lieblingsspielers besteht? Natürlich nicht! Ihr Team hätte keine Chance erfolgreich zu sein, selbst wenn es gelänge, den Superstar Ihres Teams zu klonen. Das nächste Mal, wenn Sie einem Manager begegnen, der versucht sich selbst zu klonen, können Sie dieselbe Frage stellen. Wollen Sie sich wirklich selbst klonen oder wollen Sie erfolgreich sein?

Markku Kauppinen, Extended DISC North America



Autor: Stephan Einert

Er liebt Menschen und deren Verhalten. Vor allem: In Teams und Unternehmen. Als Personalberater beschäftigte sich der Diplom-Kaufmann und -Theologe schon immer mit der Frage, wie sich die individuellen Stärken des Einzelnen durch eine optimale Teamaufstellung konsequent weiterentwickeln lassen.